Weitergedacht · Nr. 4
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Weitergedacht · Ausgabe 4
31. Oktober 2026

Die Guten. Warum du dir so sicher bist, dazuzugehören.

Fast alle halten sich für die Guten. Die Forschung zeigt auch, warum: Dich kennst du von innen, die anderen nur von außen. Was das für den Menschen in deinem Team heißt, über den du längst Bescheid weißt.

Loslesen → ≈ 9 Min. · Selbstcheck & eine Übung
Warum es diese Einheit gibt

Barbara Blaha, Gründerin des Momentum Instituts, war im Oktober 2026 bei Dirk Stermann zu Gast, im Podcast „Stermann fragt für einen Freund“. Ein Satz von ihr ist bei mir hängen geblieben: „Niemand geht durch die Welt und glaubt, er ist das Arschloch.“ Sie nimmt sich dabei nicht aus: Nach einer Fernsehdebatte gehe sie zurück ins Büro und werte den Gegner ab, und der mache in seinem Büro dasselbe.

Später erzählt Stermann von seinem früheren Küchenfenster: gegenüber eine pakistanische Familie, die Kinder winken einander zu, der Hausmeister schimpft über dieselben Nachbarn. Der schaue eben nicht aus seinem Fenster, sagt Stermann. Das wird stimmen. Nur fragt in 67 Minuten niemand, was man aus dem Fenster des Hausmeisters sieht. Das heißt nicht, dass er recht hat. Es heißt, dass wir nicht wissen, warum er so redet.

Wer führt, kennt diese Stelle, glaube ich. Bei denen, die wir mögen, schauen wir durchs Fenster. Bei den anderen wissen wir längst Bescheid.

Für eine Kurseinheit ist der Gedanke zu klein. Zum Weglegen ist er zu gut. Also steht er hier.

Zum Einstieg

Die Besprechung ist vorbei, zwei Türen gehen zu. Hinter der einen sagt jemand: „Ich halte hier den Laden zusammen, und der blockiert alles.“ Hinter der anderen: „Ich schütze das Team vor dem nächsten Schnellschuss, und die versteht das nicht.“

Abends fahren beide nach Hause, überzeugt, heute das Richtige getan zu haben.

Beide meinen das ehrlich. Und eine der beiden Türen ist deine.

Konflikte wären einfach, wenn es in deinem Team Böse gäbe. Es gibt fast nur Gute.

Was dahintersteckt

Dich kennst du von innen. Die anderen von außen.

Bei Konflikten heißt es gern: Leg die Fakten auf den Tisch. Bei Zahlen und Terminen reicht das oft. Sobald es darum geht, warum jemand etwas tut, reicht es selten. Der Grund liegt bei uns allen, nicht nur bei den Schwierigen.

Die meisten Menschen halten sich für moralisch besser als den Durchschnitt. In einer Studie überschätzten nahezu alle Befragten ihre eigene Moral, und zwar stärker als ihre Tatkraft oder ihre Geselligkeit. Das trifft dich genauso wie mich.

Ein Teil davon ist schlicht der Blickwinkel. Dich selbst kennst du von innen: deine Absichten, deine Gründe, was du dir dabei gedacht hast. Die anderen kennst du von außen: Du siehst, was sie tun. Und genau so rechnen wir ab. Eigene gute Absichten schreiben wir uns gut, als wären sie schon fast getan. Die der anderen zählen viel weniger.

Dazu kommt, was wir den anderen unterstellen. Wer im Streit liegt, sieht die eigene Seite von Zuneigung getrieben und die andere von Abneigung. Gemessen wurde das zwischen zerstrittenen Parteien und in einem Konflikt, in dem Menschen sterben. Und dann das Überraschende, geprüft im Streit der US-Parteien: Als es für eine genaue Einschätzung der Gegenseite einen Bonus von zwölf Dollar zu gewinnen gab, drehte sich das Bild um. Wir könnten es also besser. Wir geben uns nur selten die Mühe.

Darum prallen Fakten so oft ab. Sie treffen nicht nur ein Verhalten, sondern das Bild, ein guter Mensch zu sein. Und dieses Bild wird verteidigt. Eine große Auswertung zeigt, wie teuer das werden kann: In mehr als einem Drittel der Fälle verschlechterte Rückmeldung die Leistung, vor allem dann, wenn sie aufs Selbstbild zielte.

Der naheliegende Rat lautet dann: Versetz dich in den anderen hinein. Er hilft weniger, als man denkt. In 25 Experimenten wurden Menschen dadurch nicht treffsicherer, manchmal aber selbstsicherer. Treffsicherer wurden sie erst, wenn sie die andere Person im Gespräch fragen konnten. Feldversuche an Haustüren passen dazu: Reine Argumente änderten an Vorurteilen nichts. Gespräche, in denen Menschen einander ohne Urteil ihre Geschichten erzählten, schon. Die Wirkung war klein, aber sie hielt über Monate.

Wie das im Extremfall aussieht, zeigt eine Geschichte von einem amerikanischen College.

Eine wahre Geschichte

Ein junger Amerikaner wächst als Kronprinz der weißen Nationalisten auf. Sein Vater hat eine der bekanntesten Websites der Szene gegründet, er selbst hält Reden und hat eine eigene Radiosendung. Dann geht er aufs College, und eines Tages stellt jemand seine Aktivitäten ins Studierendenforum.

Drei Dinge passieren. Mitstudierende sagen ihm offen, was sie davon halten, und grenzen ihn aus. Ein Kommilitone, orthodoxer Jude und damit auf diesem Campus eine Ausnahme, lädt ihn zum Shabbat-Essen ein, jede Woche, rund zwei Jahre lang. Über seine Ansichten wird dort bewusst nicht geredet: Wer ihn angreift, so die Überlegung, sieht ihn nie wieder. Und eine Studentin aus diesem Kreis, der er zu vertrauen beginnt, nimmt seine Thesen irgendwann Punkt für Punkt mit Fakten auseinander.

Am Ende sagt er sich öffentlich von allem los. Später betont er selbst: Empörung allein hätte ihn nur bestärkt. Aber ohne sie hätte er mit den Leuten am Tisch gar nicht erst geredet.

Dort waren drei Rollen auf viele Menschen verteilt: die Grenze, der Tisch, die Fakten. In deinem Team trägst du alle drei selbst. Dein Kollege ist kein Extremist, natürlich nicht. Aber der Mechanismus ist derselbe, und am Extrem sieht man ihn gut.

Was das für deine Führung heißt

Und jetzt der unbequeme Teil: Beide Richtungen kosten

Aus „alle halten sich für die Guten“ folgt nicht: Also sind alle gut. Sich für gut halten macht niemanden gut. Und wer nur noch versteht, führt nicht mehr. Du kannst den Gedanken in beide Richtungen überziehen.

Zu schnell geurteilt

  • Du hast vielleicht recht und verlierst die Person trotzdem
  • Wer sich falsch eingeschätzt fühlt, verteidigt sich, statt etwas zu ändern
  • Du erfährst nie, was du von deinem Platz aus nicht sehen konntest

Zu lange verstanden

  • Du weißt genau, warum jemand so handelt, und es ändert sich nichts
  • Die Zuverlässigen zahlen für deine Geduld
  • Aus Verständnis wird Harmoniesucht mit guter Begründung

Eine Grenze gilt immer: Bei Übergriffen oder Betrug kommt zuerst der Schutz der Betroffenen, das Verstehen danach. Verstehen ist keine Entscheidung. Es macht sie nur besser.

Die Quellen dahinter – kurz und nachprüfbar

Diese Ausgabe kommt im Text ohne Namen und Jahreszahlen aus. Wer nachsehen will, findet hier, worauf sie sich stützt.

  • Woher der Gedanke kommt. Barbara Blaha im Gespräch mit Dirk Stermann, „Stermann fragt für einen Freund“, 29. Oktober 2026: Blahas Satz ab Minute 17, das Küchenfenster ab Minute 60. Aufbereitet und geprüft auf einer eigenen Seite zum Gespräch. Der Hausmeister kommt nur an dieser einen Stelle vor. Was er dort über die Nachbarn sagt, ist grob und abwertend. Das verteidige ich nicht.
  • Dass fast alle ihre eigene Moral überschätzen. Ben Tappin und Ryan McKay, „The Illusion of Moral Superiority“, Social Psychological and Personality Science, 2017: 270 Personen bewerteten sich und den Durchschnittsmenschen auf 30 Eigenschaften. Nahezu alle überschätzten ihre Moral, stärker als Tatkraft und Geselligkeit, und unabhängig vom Selbstwert. Wozu das gut ist, lassen die Autoren offen.
  • Dass eigene Absichten mehr zählen als fremde. Justin Kruger und Thomas Gilovich, Personality and Social Psychology Bulletin, 2004, fünf Studien: Wir rechnen uns unsere Absichten stärker an als anderen die ihren und bewerten uns dadurch besser.
  • Dass wir uns Zuneigung zuschreiben und den anderen Abneigung. Adam Waytz, Liane Young und Jeremy Ginges, PNAS, 2014, fünf Studien mit 661 Anhänger:innen der beiden großen US-Parteien, 995 Israelis und 1.266 Palästinenser:innen. Der Bonus wurde nur in den USA geprüft, mit 331 Personen, und am Ende an eine Person ausbezahlt. Er drehte das Muster um und hob die Zuversicht auf eine Einigung etwas. Die Bereitschaft zu verhandeln stieg nicht nachweisbar. Ob das auch bei gewaltsamen Konflikten gilt, lassen die Autoren offen.
  • Dass derselbe Vorfall zwei Geschichten ergibt. Roy Baumeister und Kollegen, Journal of Personality and Social Psychology, 1990: Menschen schrieben auf, wie sie einmal jemanden verärgert haben und wie sie einmal verärgert wurden. In der ersten Rolle war es ein abgeschlossener Vorfall mit nachvollziehbarem Grund, in der zweiten eine lange Geschichte ohne erkennbaren Grund. Die Autoren vermuten: Wer lange schluckt und dann reagiert, wirkt auf die andere Seite überzogen.
  • Dass Rückmeldung auch schaden kann. Avraham Kluger und Angelo DeNisi, Psychological Bulletin, 1996: Auswertung von über 600 Effektstärken aus mehr als 130 Studien.
  • Dass Hineinversetzen nicht treffsicherer macht, Fragen schon. Tal Eyal, Mary Steffel und Nicholas Epley, Journal of Personality and Social Psychology, 2018, 25 Experimente: Wer sich hineinversetzen sollte, lag insgesamt eher schlechter, war teils aber selbstsicherer. Im letzten Experiment half das direkte Gespräch.
  • Dass Gespräche wirken, aber wenig. David Broockman und Joshua Kalla, Science, 2016: 56 Personen sprachen an Haustüren in Südflorida rund zehn Minuten mit 501 Wähler:innen, die Wirkung hielt mindestens drei Monate. Joshua Kalla und David Broockman, American Political Science Review, 2020: drei Feldexperimente mit 6.869 Wähler:innen. Nur Argumente: keine Wirkung. Mit dem Austausch von Geschichten: klein (d = 0,04 bis 0,08), im ersten Experiment noch nach vier Monaten messbar. Dieselben Autoren, American Journal of Political Science, online 2021: Die Aufforderung, sich hineinzuversetzen, fügt nichts hinzu, die fremde Geschichte zu hören, reicht. Gemessen wurden Vorurteile gegenüber Eingewanderten und trans Menschen, nicht Konflikte im Betrieb.
  • Die wahre Geschichte. Derek Black, Sohn von Don Black, dem Gründer von Stormfront, am New College of Florida. Eingeladen hat ihn Matthew Stevenson, die Fakten kamen von Allison Gornik. Nacherzählt bei Eli Saslow, „Rising Out of Hatred“, 2018. Die Regel am Tisch, die rund zwei Jahre und Blacks Sicht auf die Empörung: Black und Stevenson bei „On Being“, dazu Black bei Michigan Public, April 2019. Ein Einzelfall, keine Messung.
  • Was hier über Führung steht, steht so nicht bei ihnen. Blaha und Stermann reden über Politik und Gesellschaft. Die Studien messen politische Lager, Alltagskonflikte und Laborsituationen, nur der Befund zur Rückmeldung reicht auch in die Arbeitswelt. Das Bild vom Fenster stammt aus dem Gespräch. Dass du die drei Rollen selbst trägst, und die drei Schritte des zweiten Fensters, sind meine Übertragung. Belegt ist der Gedanke dahinter, nicht das Werkzeug.
Selbstcheck

Wie schnell weißt du, warum jemand etwas tut?

Drei Fragen, keine richtigen und falschen Antworten. Am Ende steht, wohin du neigst – und was das kostet.

Dein Muster

Was dir hilft

Das Werkzeug

Das zweite Fenster

Drei Schritte für den Moment, in dem du dir sicher bist, warum jemand etwas tut. Sie machen dich nicht nachgiebiger. Sie sorgen dafür, dass du über das entscheidest, was wirklich los ist, und nicht über das, was du dir dazugedacht hast.

1
Trennen„Was habe ich gesehen, was habe ich dazugedacht?“ Das Verhalten bleibt. Das Motiv wird zur offenen Frage.
2
Holen„Was siehst du von deinem Platz aus, das ich von meinem nicht sehe?“ Dann zuhören, nicht widerlegen.
3
Entscheiden„Ich sehe jetzt, worum es dir geht. Und das hier muss sich trotzdem ändern.“ Verstehen heißt nicht zustimmen.
So sieht das an einem Beispiel aus

Die Hoteldirektorin sieht seit Wochen, dass der erfahrene Restaurantleiter neben dem neuen Reservierungssystem weiter sein altes Buch führt. Ihr erster Gedanke: Er will sich nicht umstellen.

Trennen→„Gesehen habe ich: Die Reservierungen stehen im alten Buch. Dass er sich nicht umstellen will, habe ich dazugedacht.“

Holen→Unter vier Augen: „Was siehst du von deinem Platz aus, das ich von meinem nicht sehe?“ Er: „Beim letzten Umstieg standen an einem vollen Samstag zwölf Gäste vor mir, und im System gab es ihren Tisch nicht. Seitdem schreibe ich alles doppelt. Das hat niemand mitbekommen.“

Entscheiden→„Das wusste ich nicht, das war unser Fehler. Ab dem Ersten läuft trotzdem alles über das neue System, das Buch ist dann weg. Was muss bis dahin passieren, damit du dich darauf verlassen kannst?“

Die Gegenprobe gilt in beide Richtungen. Endet es nach dem zweiten Schritt, war es Harmonie, keine Klärung. Fragst du im zweiten Schritt nur, um danach zu widerlegen, war es ein Verhör. Ob im Büro beim Kollegen, der in jeder Besprechung dagegen ist, in der Werkstatt bei der Meisterin, die jede neue Vorgabe umgeht, oder in der Pflege bei der Stationsleitung, die jede Änderung am Dienstplan ablehnt: Das Motiv kennst du erst, wenn du gefragt hast. Die Entscheidung bleibt trotzdem deine.

Für dich

Eine Frage, die du noch stellen musst

1

Dein Gespräch für diese Woche

Nimm die Person, über die du gerade am sichersten Bescheid weißt.

So baust du deinen Satz: beide Felder ausfüllen – der fertige Satz setzt sich darunter von selbst zusammen. Dann kopieren und mitnehmen. Was du hier schreibst, bleibt in deinem Browser.

Was hast du gesehen?
Was muss sich trotzdem ändern?
✓ Kopiert

Und dann frag – diese Woche, unter vier Augen, bevor du dir wieder sicher bist.

Der nächste Schritt

Und wenn du zu lange verstehst?

Wer gut versteht, schluckt oft zu lange. Darum geht es in Ausgabe 3: warum Zurückhaltung dem Team genauso schadet wie Härte, nur leiser, und wie du merkst, ob dein Schweigen gerade Rücksicht ist oder Vermeidung.

Harmoniesucht → Weitergedacht · Ausgabe 3 · ≈ 8 Min.
Warum das zählt

Weil du sonst über jemanden entscheidest, den du nicht kennst.

Der Mensch, über den du längst Bescheid weißt, weiß auch über dich Bescheid. In seiner Geschichte bist vielleicht du das Problem. Solange ihr beide Belege sammelt, ändert sich nichts, egal wie gut die Fakten sind. Und wenn du dann entscheidest, entscheidest du über eine Person, die du dir zum Teil ausgedacht hast.

Wer Kritik hört, hört oft mit: Du gehörst nicht zu den Guten.

Das nimmst du mit
„Erst durchs zweite Fenster schauen. Dann trotzdem entscheiden.“
Die Frage an dich

Wann warst du sicher, im Recht zu sein – und hast später erfahren, wie es von der anderen Seite aussah?

Schreib es auf – für dich oder für die anderen. In meiner Community steht dieselbe Frage, und die Antworten dort sind oft ehrlicher, als man denkt.

2

Deine Antwort

✓ Kopiert

Der Kopierknopf nimmt deine Antwort, das zweite Fenster und den Merksatz mit – fertig zum Einfügen in die Notizen-App oder in die Community.

Wenn du tiefer einsteigen willst

Das ganze Gespräch von Blaha und Stermann habe ich auf einer eigenen Seite aufbereitet: Kernaussagen, Faktencheck und Sprungmarken ins Video. Alle halten sich für die Guten →

Wie sich das von der anderen Seite anfühlt, erzählt Megan Phelps-Roper. Sie ist in einer radikalen Kirche in den USA aufgewachsen und hat sie nach Gesprächen auf Twitter verlassen. Ihr Vortrag endet mit vier Regeln: keine böse Absicht unterstellen, Fragen stellen, ruhig bleiben, das Argument wirklich vortragen. Auf Englisch. Zum Vortrag auf ted.com →

Weitergedacht

Solche Gedanken sammle ich in meiner Community Leadership. Führung lernen – unter „Weitergedacht“, alle paar Wochen einer, immer mit einer Frage dazu. Sieben Tage kannst du kostenlos hineinschauen.

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