Viertel vor elf am Abend. Die Besprechung vom Nachmittag ist längst vorbei, aber in deinem Kopf läuft sie zum zehnten Mal: der Satz, der zu scharf war, die Frage, auf die du keine Antwort wusstest, der Blick der Kollegin, die schon länger dabei ist als du. „Wie konnte mir das passieren? Die merken doch alle, dass ich das nicht kann.“
Du hältst das für Verantwortung. In Wahrheit ist es der Grund, warum du morgen vorsichtiger führst – nicht besser.
Es gibt eine andere Art, mit dir zu reden. Sie ist nicht weicher, sondern wirksamer.
Nicht die Härte bringt dich weiter, sondern die Freundlichkeit mit dir selbst.
„Du musst an deinem Selbstwert arbeiten“ – den Satz hört fast jede junge Führungskraft irgendwann. Er stimmt auch. Nur führt er oft in die falsche Richtung.
Denn meistens hängt der Selbstwert an Bedingungen: Ich bin gut, wenn alles läuft. Wenn das Team zufrieden ist. Wenn mir kein Fehler passiert. Solange das zutrifft, fühlst du dich sicher. Am ersten schlechten Tag bricht es ein – und Führung besteht nun einmal aus vielen Tagen, an denen nicht alles läuft. Einen Selbstwert, der an Bedingungen hängt, musst du ständig verteidigen. Das kostet Kraft, die dir fürs Führen fehlt.
Die Alternative heißt Selbstmitgefühl. Das klingt weich, ist es aber nicht. Gemeint ist, mit dir so umzugehen wie mit einem guten Freund, der gerade einen Fehler gemacht hat. Drei Dinge gehören dazu: freundlich statt verurteilend. Verbunden statt allein – „das passiert anderen auch“. Und wach statt überwältigt: Du nimmst wahr, dass es wehtut, ohne darin zu versinken.
Das Überraschende daran: Es macht nicht bequem, sondern leistungsfähiger. Wer nach einem Misserfolg freundlich mit sich umgeht, bereitet sich danach länger auf den nächsten Versuch vor als jemand, der sich nur Mut zuspricht. Und Führungskräfte, die morgens kurz aufschrieben, wann sie in einer schwierigen Führungssituation geduldig mit sich waren, halfen an diesen Tagen ihrem Team mehr – und wurden von ihrem Umfeld als kompetenter erlebt. Am stärksten wirkte das bei denen mit der wenigsten Macht: bei Einsteigern. Das ist keine Meinung aus dem Seminarraum, sondern das Ergebnis kontrollierter Experimente.
Für dich heißt das: Die Zweifel am Anfang sind kein Zeichen, dass du in der Rolle falsch bist. Das Selbstwertgefühl wächst bis weit ins Erwachsenenalter noch kräftig – du steckst mittendrin. Die Frage ist nur, wie du in der Zwischenzeit mit dir redest.
Was das für deine Führung heißt
- Dein Umgang mit dir ist sichtbar. Wie du mit deinen Fehlern umgehst, schaut sich dein Team für seine eigenen ab. Wer sich selbst niedermacht, macht selten anderen Mut, Fehler früh zuzugeben.
- Härte gegen dich macht dich vorsichtig, nicht besser. Du vermeidest Risiken, machst lieber selbst, statt zu delegieren, und hörst Kritik als Urteil über dich statt als Hinweis auf die Sache.
- Freundlich heißt nicht folgenlos. Selbstmitgefühl fragt nicht „Wie rede ich mir das schön?“, sondern „Was würde ich einem Freund jetzt raten?“ – und ein guter Freund rät selten, einfach weiterzumachen wie bisher.
Und jetzt der unbequeme Teil: Beides kostet
Wer daraus mitnimmt „Ich sollte netter zu mir sein“, hat die Hälfte gelesen. Freundlichkeit mit dir selbst kann auch zur Ausrede werden – und dann zahlen andere.
Zu hart mit dir
- Du grübelst nachts und bist morgens leer
- Du machst lieber alles selbst, statt Fehler anderer zu riskieren
- Kritik trifft dich, nicht die Sache – also verteidigst du dich
Zu nachsichtig mit dir
- „Passiert halt“ ersetzt das Nachbessern
- Dasselbe Problem kommt nächste Woche wieder
- Dein Team zahlt für Fehler, die du dir schnell verziehen hast
Die Kunst ist nicht, weicher zu werden. Die Kunst ist, freundlich im Ton und klar in der Sache zu bleiben – auch mit dir selbst.
Die Quellen dahinter – kurz und nachprüfbar
Diese Ausgabe kommt im Text ohne Namen und Jahreszahlen aus. Wer nachsehen will, findet hier, worauf sie sich stützt.
- Dass ein Selbstwert, der an Bedingungen hängt, teuer ist. Jennifer Crocker und Lora Park, „The Costly Pursuit of Self-Esteem“, Psychological Bulletin, 2004. Die Übersichtsarbeit zeigt: Wer seinen Wert an Bedingungen knüpft, zahlt dafür mit Lernen, Beziehungen, Selbstständigkeit und Gesundheit.
- Die drei Bausteine – und dass Selbstmitgefühl stabiler trägt. Kristin Neff hat das Konzept 2003 beschrieben. In einer Studie mit Roos Vonk (Journal of Personality, 2009) mit über 2.000 Teilnehmenden hing Selbstmitgefühl mit einem stabileren, weniger von Erfolgen abhängigen Selbstwertgefühl zusammen, mit weniger Vergleichen und weniger Grübeln. Hoher Selbstwert – nicht Selbstmitgefühl – hing dagegen mit Narzissmus zusammen.
- Dass Selbstmitgefühl nach einem Misserfolg antreibt. Juliana Breines und Serena Chen, Personality and Social Psychology Bulletin, 2012, vier Experimente: Nach einem schlecht gelaufenen Test lernten Studierende, die freundlich mit sich umgingen, länger für den nächsten als die Gruppe, deren Selbstwert gestärkt wurde.
- Der Befund zu Führungskräften. Klodiana Lanaj, Remy Jennings, Susan Ashford und Satish Krishnan, Journal of Applied Psychology, 2022. Zwei Feldexperimente, im ersten 77 Führungskräfte über zehn Arbeitstage, täglich eingeschätzt von Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeitenden und Vorgesetzten. Bei Führungskräften mit wenig formaler Macht war die Wirkung stärker.
- Dass das Selbstwertgefühl bis weit ins Erwachsenenalter wächst. Ulrich Orth, Ruth Yasemin Erol und Eva Luciano, Psychological Bulletin, 2018: Auswertung von 331 Stichproben mit rund 165.000 Menschen – starker Anstieg bis etwa 30, danach langsamer bis etwa 60.
- Zum Weiterlesen. Kristin Neff, „Selbstmitgefühl“, und ihre Seite self-compassion.org mit kostenlosen Übungen (englisch). Kürzer: Serena Chen, „Give Yourself a Break: The Power of Self-Compassion“, Harvard Business Review, 2018.
- Was hier über Führung steht, steht so nicht bei ihr. Kristin Neff forscht über Menschen allgemein, nicht über Führung im Betrieb. Die Studie von Lanaj und Kollegen betrifft zwar Führungskräfte, die Freundes-Pause aber ist meine Zusammenstellung aus Neffs Übungen – belegt ist der Gedanke dahinter, nicht das Werkzeug.
Wie redest du mit dir, wenn etwas schiefgeht?
Drei Fragen, keine richtigen und falschen Antworten. Am Ende steht, wohin du neigst – und was das kostet.
Die Freundes-Pause
Drei Sätze für den Moment, in dem der innere Kritiker loslegt – nach einer Besprechung, nach einer Beschwerde, abends im Auto. Sie nimmt dir den Fehler nicht ab. Sie sorgt dafür, dass du ihn anschaust, statt dich dafür zu verurteilen.
Eine neue Teamleiterin hat in der Wochenbesprechung eine Zahl falsch genannt. Ihr Chef hat sie korrigiert, vor allen. Auf dem Heimweg läuft der Satz „Wie peinlich, die halten mich doch für unfähig“ in Dauerschleife.
Benennen→„Das war unangenehm. Und es ärgert mich richtig.“
Verbinden→„Wer neu in so einer Rolle ist, verhaut mal eine Zahl. Mein Chef bestimmt auch, irgendwann.“
Weitergehen→„Einer Freundin würde ich sagen: Schick morgen früh die richtige Zahl mit zwei Sätzen nach – und prüf die Unterlagen künftig am Vorabend.“ Genau das macht sie.
Die Gegenprobe: Endet der dritte Satz nicht bei einem nächsten Schritt, sondern bei „war halt Pech“, dann war es kein Selbstmitgefühl, sondern Selbstmitleid. Ob im Hotel nach einer Beschwerde am Tisch, im Büro nach einer vergessenen Frist oder in der Werkstatt nach einem Auftrag, der zurückkam: Der dritte Satz muss dich bewegen, nicht nur beruhigen. Freundlichkeit ist der Ton. Der nächste Schritt ist der Inhalt.
Ein Fehler, ein Freund, ein Satz
Dein Freundes-Satz
Nimm einen Fehler aus den letzten Tagen, der dir noch nachgeht – klein reicht.
So baust du deinen Satz: beide Felder ausfüllen – der fertige Satz setzt sich darunter von selbst zusammen. Dann kopieren und mitnehmen. Was du hier schreibst, bleibt in deinem Browser.
Weil dein Team zuschaut, wie du mit dir umgehst.
Wie du mit deinen eigenen Fehlern umgehst, lernen deine Leute schneller als jede Regel, die du aufstellst. Wer sich für jeden Fehler niedermacht, zeigt seinem Team, dass man Fehler besser versteckt. Wer freundlich und klar mit sich ist, macht es den anderen leichter, früh zu sagen, wenn etwas schiefläuft – und genau dann lässt es sich noch reparieren.
Sprich mit dir wie mit einem guten Freund: freundlich im Ton, klar in der Sache.
„Streng mit dir zu sein, fühlt sich nach Verantwortung an. Freundlich mit dir zu sein, bringt dich weiter.“
Welcher Satz deines inneren Kritikers hat dich als junge Führungskraft am meisten begleitet – und was würdest du ihm heute antworten?
Schreib es auf – für dich oder für die anderen. In meiner Community steht dieselbe Frage, und dort wird es interessant: Die Antworten ähneln sich mehr, als man denkt.
Deine Antwort
Der Kopierknopf nimmt deine Antwort, die Freundes-Pause und den Merksatz mit – fertig zum Einfügen in die Notizen-App – oder in die Community.
Kristin Neff stellt auf ihrer Seite kostenlos Übungen zum Selbstmitgefühl bereit, darunter die beiden, aus denen die Freundes-Pause gebaut ist – auf Englisch. self-compassion.org →
Solche Gedanken sammle ich in meiner Community Leadership. Führung lernen – unter „Weitergedacht“, alle paar Wochen einer, immer mit einer Frage dazu. Sieben Tage kannst du kostenlos hineinschauen.